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Neu eingetroffene Literatur - Kurzrezensionen


Bäcker, Gerhard / Lehndorff, Steffen / Weinkopf, Claudia (Hrsg.), (2016), Den Arbeitsmarkt verstehen, um ihn zu gestalten. Festschrift für Gerhard Bosch. Wiesbaden: VS Verlag

Der Band bilanziert in 30 Beträgen das wissenschaftliche Werk des geschäftsführenden Direktors des Instituts Arbeit und Qualifikation, Gerhard Bosch. Autorinnen und Autoren aus politischer Praxis und Wissenschaft kommen gleichberechtigt zu Wort. Das Buch ist in die Kapitel "Zukunft der Arbeit", "Arbeitszeit", "Arbeitsbeziehungen", "Arbeitsmarktforschung" und "Arbeitsmarktpolitik" gegliedert und schließt mit einer Übersicht über die zentralen Publikationen von Gerhard Bosch ab.

Der Inhalt

Mit beiträgen von W. Adamy, D. Anxo, P. Auer, G. Bäcker, R. Bispinck, A. Brettschneider, M. Brussig, R. Dobischat, K. Dörre, A. Elias, D. Grimshaw, T. Haipter, R. Hoffmann, G.-A. Horn, U. Klammer, A. Kleinknecht, C. Köhler, K. Korte, I. Kurz-Scherf, S. Lehndorff, W. Lieb, C. Logeay, M. Machnig, R. Matzdorf, A. Meyer-Lauber, J. Möller, A. Nahles, W. Nienhüser, J. Rubery, C. Schönefeld, W. Sengenberger, A. Simonazzi, S. Stöbe-Blossey, B. Unger, P. Villa, D. Voss, S. Weingärtner, C. Weinkopf

Die Zielgruppen

Wissenschaftler/innen in den forschungs- und Lehrfeldern: Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Arbeitszeit, Arbeitsbeziehungen, Wohlfahrtsstaat

Praktiker der Arbeitsmarkt-, Betriebs und Tarifpolitik

Interessierte in Verwaltungen, Verbänden, Organisationen

Die Herausgeber

Dr. Gerhard Bäcker ist Senior Professor am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen

Dr. Steffen Lehndorff ist research Fellow in der Forschungsabteilung "Arbeitszeit und Arbeitsorganisation" des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen

Dr. Claudia Weinkopf ist stellvertretende geschäftsführende Direktorin und Leiterin der Forschungsabteilung "Flexibilität und Sicherheit" des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen

Schürmann, Lena (2013), Schmutz als Beruf - Prekarisierung, Klasse und Geschlecht in der Reinigungsbranche. Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT, ISBN: 978-3-89691-937-3

Die Reinigungsbranche hat sich in den letzten Jahren zu einem zentralen Tätigkeitsfeld des Niedriglohnsektors entwickelt. 915.000 Personen arbeiten hier 2010 überwiegend in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Doch was verschafft dem Ausschluss der hier Beschäftigten von den üblicherweise an Berufsarbeit geknüpften Ansprüchen gesellschaftliche Legitimität? In wissenssoziologischer Perspektive untersucht Lena Schürmann die symbolische Ordnung der Reinigungsbranche, ihre historische Entwicklung und ihre Arbeitsteilung. Ihre Rekonstruktion des Branchendiskurses zeigt: Trotz erfolgter Anerkennung der Reinigungsarbeit zum Handwerksberuf, kommt es entlang von Klassen- und Geschlechterkonstruktionen zu einer Individualisierung des niedrigen Status der Tätigkeit. Die Analyse der subjektiven Erfahrung männlicher Reinigungsarbeiter verdeutlicht, welchen Ambivalenzen die Praktiken biographischer Selbstbehauptung in der Folge unterliegen. 

Zu Beginn des Buches wird anhand bereits vorhandener Forschungsliteratur ein Überblick über verschiedene Aspekte der Reinigungsbranche gegeben. Hierbei werden zum einen verschiedene Eintritts-, Aufstiegs- und Verbleibsdynamiken innerhalb der Reinigungsbranche beschrieben. Zum anderen werden an dieser Stelle weitere Informationen zur Reinigungsbranche, wie die Teilhabechancen von Beschäftigten innerhalb der Branche, sowie allgemeine sozialstrukturelle Merkmale der Beschäftigten, vorgestellt. In den darauf folgenden Kapiteln werden dann die theoretischen und methodischen Zugänge für die daran anschließenden Diskurs- und Biografieanalysen vorgestellt. Hier beschreibt Schürmann aus Sicht der Wissenssoziologie Berufe als Institutionen der Subjektkonstitutionen und entwickelt darauf aufbauend einen Begriff, mit dem versucht werden soll, Prozesse der Prekarisierung auf der Ebene subjektiver Selbstverhältnisse als Formen der beruflichen Prekarisierung zu beschreiben. Im Folgenden werden dann die empirischen Ergebnisse der Diskurs- und der Biografieanalyse vorgestellt. Bei der Diskursanalyse wird untersucht, welchen Veränderungen das Wissen über das Reinigen und Erwerbstätigen in dieser Branche im Kontext historischer Entwicklungen und sich verändernder politischer Regulierungen unterliegt. An diese Analyse schließt sich dann eine Biografieanalyse an, in der Schürmann die Folgen prekärer Erwerbstätigkeit herausarbeitet, um herauszufinden, wie männliche Beschäftigte in der Reinigungsbranche mit widersprüchlichen Zuschreibungen, vor allem des Arbeitgebers, zurechtkommen. In einem abschließenden Kapitel werden dann die Ergebnisse der Diskurs und der Biografieanalyse aufeinander bezogen analysiert und als Subjektivierung betrachtet. An dieser Stelle wird untersucht, welche möglichen diskursiven Wissensbestände und Wissenstechniken von Beschäftigten der Reinigungsbranche in Prozessen der Selbstthematisierung angeeignet und ausgestaltet werden. 

Die Autorin bietet in diesem Buch einen fundierten empirischen Überblick über die Entwicklung im Sektor der Gebäudereinigung. Der Ansatz aus wissenssoziologischer Perspektive sich der Thematik der prekären Beschäftigung in dieser Branche zu nähern erscheint ebenso vielversprechend. Durch eine detaillierte wissenssoziologische Diskursanalyse der Wissensordnung der Gebäudereinigung im 20. Jahrhundert zeigt sie, welche Aufwertung und Wertminderung Reinigungsarbeiten im Zeitverlauf erfuhren und welche gegenwärtige symbolische Ordnung der Arbeitstätigkeit innerhalb der Gebäudereinigung zu Grunde liegt. Hierdurch wird erst erkennbar, wie die aktuelle Subjektivität bei Beschäftigten entsteht. Wie sich Beschäftigte genau diese Subjektivität aneignen und ausgestalten untersucht Schürmann in einer an die Diskursanalyse anknüpfende biographische Analyse anhand von mehreren Interviews. 

Schließlich führt Schürmann die Ergebnisse der beiden Analysen zusammen um darzustellen, wie sich die Subjekte die diskursiven Zuschreibungen und Gegenstandskonstruktionen aneignen, die ihnen innerhalb der Branche vorgestellt werden. Doch auch umgekehrt kann gezeigt werden, ob und in welcher Form die individuellen biographischen Deutungen der eigenen Erwerbsarbeit Auskünfte über die Relevanz der im Diskurs entstandenen Wissensbestände für die individuelle Tätigkeit zulassen. Insgesamt ein überaus interessanter Beitrag zu einem (bislang) untererforschten Themenbereich: lesenswert.

 

Spieker, Michael (Hrsg.)(2012), Der Sozialstaat. Fundamente und Reformdiskurse. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, ISBN: 978-3-8329-7215-8.

Der von Michael Spieker herausgegebenem Sammelband „Der Sozialstaat“ vereint die Darstellung sozialstaatlicher Fundamente mit der Frage nach ihrer Begründung. Dabei wird herausgestellt, auf welche Weise sozialstaatliche Prinzipien in Frage gestellt und im Zug von Reformmaßnahmen „leichtfertig durch unreflektierte Vorstellungen ersetzt“ werden.

Unter der Überschrift „Grundlegungen“ wird in dem in zwei Abschnitte gegliedertem Band zunächst erörtert, welches Verständnis von Individuum, Gesellschaft und Institutionen zur Wohlfahrtsstaatlichkeit führt. Um der Vielfalt von sozialstaatlichen Begründungen Rechnung zu tragen, findet sich an dieser Stelle eine breite Zusammenstellung von Beiträgen verschiedener Disziplinen, die unterschiedliche Zugänge zu Grunde legen. So werden den Texten der Politikwissenschaftler Knoll um Nullmeier ein theologischer Aufsatz zu den konfessionellen Wurzeln des Sozialstaats (Vogt) und eine rechtswissenschaftliche Betrachtung des Grundgesetzes (Gröschner) zur Seite gestellt, und durch eine Skizze der soziologischen Begründungslinien Moral, Gerechtigkeit und Inklusion (Fuchs-Goldschmidt) ergänzt. Thielemanns wirtschaftsethischer Beitrag zur „Verteilungsfrage als Fairness und Zurückeroberung der Idee der sozialen Marktwirtschaft“ schließt den ersten Teil des Sammelbandes ab. Insgesamt liest sich der Abschnitt als gelungene Zusammenstellung, die durch den interdisziplinären Zugang überzeugt. Dabei richten sich die Ausführungen zwar an ein Publikum, das sich grundlegend informieren möchte, so dass sich die Autoren gelungen um eine nachvollziehbare Argumentation bemühen. Thematische Neueinsteiger sind allerdings mit der ergänzenden Originallektüre der teilweise sekundäranalytisch besprochenen (theoretischen) Konzepte (Rawls, Forst, Honneth) gut beraten.

Unter der Überschrift „Entwicklungen und Herausforderungen“ wird im zweiten Teil des Sammel-bandes analysiert, welche Veränderungen in den (Politik-)Feldern Rente, Arbeitsmarkt, Armut, Familie und Demografie zu konstatieren sind, bevor abschließend das Vertrauen in den Wohlfahrtsstaat (Müller) sowie die Möglichkeiten und Grenzen des ehrenamtlichen Engagements (Wegner) beleuchtet werden. Den Auftakt liefert Brettschneiders Auseinandersetzung mit Veränderungen und ihrer Legitimation im Alterssicherungssystem. Dabei gibt der Autor einen kenntnisreichen, detaillierten und spannenden Überblick über die Reformdiskurse der letzten beiden Dekaden und liefert so einen gleichsam überzeugenden wie lesenswerten Beitrag zu den Entwicklungen der Alterssicherungspolitik. Auch die sich anschließenden Artikel zur Prekarität von Arbeit und Bildung (Kraemer), Grundsicherungsmodellen (Hauser) und Familienpolitik (Münch) sind zur Lektüre zu empfehlen. Die sich diesen Beiträgen anschließende Diskussion des demografischen Wandels und seiner Folgen für die sozialen Sicherungssysteme (Stefanie Wahl) kann hingegen nicht überzeugen. Hier präsentiert die Autorin eine lange Reihe unreflektiert aufgelisteter Daten, deren Quelle (und Validität) dem Leser vorenthalten bleibt, um sie schließlich zu einer kaum nachzuvollziehenden Argumentation zu verdichten. Dabei verzichtet die Autorin (mit Ausnahme einiger Schaubilder) durchgängig auf die Angabe von Quellen, so dass es nur konsequent erscheint, dass sich dem Beitrag erst gar kein Literaturverzeichnis anschließt. Offensichtlich hat Wahl die referierten Daten zur demografischen Entwicklungen selber erfunden. Wer sich dennoch bis zum Ende des Aufsatzes vorkämpft darf sich freuen, wenn er nach dem Umblättern den fett gedruckten Titel der nächsten Beitrags liest: Die Bedrohung des Sozialstaates durch Meinungsmache (Müller). Fazit: Der Herausgeber hat Humor. Insgesamt gibt Spieker eine interessante Zusammenstellung heraus, die kontrovers angelegt ist und interessante Aspekte der Sozialstaatsdebatte herausarbeitet. Bis auf eine Ausnahme: Empfehlenswert. 

 

Oppacher, Andreas (2010), Deutschland und das Skandinavische Modell. Der Sozialstaat als Wachstumsmotor. Bonn: Pahl-Rugenstein Verlag

In seinem Buch „Deutschland und das Skandinavische Modell“ nimmt der Autor unter Zuhilfenahme der Perspektive auf die skandinavischen Wohlfahrtssysteme wirtschaftspolitische Mythen und damit verbundene Fehlentwicklungen in Deutschland ins Visier. Der Band gliedert sich in einen Grundlagenteil (Kapitel B, „Ökonomie zurechtgerückt“), eine Problemanalyse der deutschen Wirtschaftspolitik der vergangenen drei Jahrzehnte (Kapitel C, „Die zentralen wirtschaftlichen Probleme in Deutschland“) und ein Kapitel „Skandinavien (D), das sich mit der Frage beschäftigt, was die skandinavischen Länder (Norwegen ausgeklammert) wirtschaftspolitisch anders und besser machen. Schließlich werden in Kapitel E „Empfehlungen für Deutschland“ geschlussfolgert.

Die „deutschen Probleme“ sieht der Autor vor allem in der Fokussierung auf den Außenhandel und den damit verbunden Bemühungen zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Fixierung auf den Weltmarkt habe eine langjährige Steuersenkungspolitik sowie die Förderung von Lohnzurückhaltung und die Ausweitung des Niedriglohnsektors zur Folge. Dies wiederum führe zu einer chronisch schwachen Binnennachfrage, die die deutsche Wirtschaft extrem exportabhängig und damit krisenanfällig mache, sowie einer zunehmenden Einkommens- und Vermögensspreizung.

Oppenbachers Vorschläge zur Problemlösung entsprechen in etwa dem Repertoire des gewerkschaftlich-(links)sozialdemokratischen politischen Lagers. Er plädiert für den Umbau der Gesetzlichen Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung und der Gesetzlichen Krankenversicherung zu einer Bürgerversicherung. In beiden Fällen dürfen höhere Steuerzuschüsse zur Stabilisierung des Systems kein Tabu sein, private Sicherungsformen sollen allenfalls eine ergänzende Funktion haben. Die Besteuerung von Einkommen und Vermögen soll (wieder) mehr an der jeweiligen finanziellen Leistungskraft ausgerichtet werden (u.a. durch progressive Besteuerung auch von Kapitalerträgen). Durch eine Finanzreform seien die Kommunen zu stärken, so dass sie ihre lokalen sozialstaatlichen Funktionen besser wahrnehmen können. Um das Armutsproblem in den Griff zu bekommen, werden eine Erhöhung von Grundsicherungsleistungen sowie die Verlängerung des Arbeitslosengeldbezugs angemahnt. Das working poor-Problem sei durch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns zu lösen. Auf der Grundlage der verbesserten Einnahmesituation sei insbesondere die lange Zeit sträflich vernachlässigte Bildungspolitik von der Frühförderung bis zur Hochschule in den Mittelpunkt der sozialstaatlichen Expansion zu stellen.

Es handelt sich bei Oppachers Text weniger um eine wissenschaftliche Abhandlung. Rückgriffe auf wohlfahrtsstaatsvergleichende Ansätze (eine Erwartungshaltung, die sich aufgrund des Titels eventuell ergeben könnte) finden sich nicht. Es ist vielmehr ein politischer Text, der vielfach und kenntnisreich mit ökonomischen Zusammenhängen argumentiert. Hierin liegt auch der Verdienst dieses Buches: Es fasst die „linke“ wirtschaftspolitische Diskussion gut zusammen und veranschaulicht, dass es neben dem derzeitigen deutschen auch andere Wege gibt, die in der Wirtschaftspolitik gangbar sind und dabei durchaus Erfolg versprechen. Dabei wird überzeugend herausgearbeitet, dass politische Entscheidungen nie ohne Alternative sind. Eine etwas kritischere Betrachtung der Entwicklung der skandinavischen Länder, in denen in der jüngeren Vergangenheit liberale Wirtschaftskonzepte durchaus ebenfalls zur Anwendung kommen, wäre dabei jedoch wünschenswert gewesen.

Die Parteilosigkeit des Autors, die auf dem Einband betont wird, ist dabei allerdings keinesfalls gleichbedeutend mit einer unparteiischen Herangehensweise an das Thema. Insbesondere dem Kapitel „Ökonomie zurechtgerückt“ hätte ein wenig mehr objektive Distanz durchaus gut getan. So ist der Autor von Beginn an bemüht, den Begriff des „Neoliberalismus“ negativ zu konnotieren. Den Argumentationsmustern liberaler Wirtschaftstheoretiker werden zudem durchgehend keine Chancen eingeräumt – hier hätte eine abwägendere Diskussion an der einen oder anderen Stelle dem Text gut zu Gesicht gestanden. Hiermit – und ebenfalls mit gelegentlichen populistischen Einlassungen über eine Reihe von Politikern und Wissenschaftlern – tut der Autor seiner Sache keinen Gefallen: Letztendlich lässt er der Gegenseite das zuteil werden, was er ihr vorwirft, nämlich die ungeliebte Meinung schlicht abzukanzeln.

Das Buch eignet sich vor diesem Hintergrund insbesondere für Einsteiger, oder für politisch Interessierte, die sich mit der Argumentation einer alternativen wirtschaftspolitischen Denkweise vertraut machen wollen. Durch das vielfältige Rekurrieren auf Grundlagen spricht es auch Leser ohne größere ökonomische Vorkenntnisse an.

 

Bäcker, Gerhard u.a (2009): Ältere Arbeitnehmer: Erwerbstätigkeit und soziale Sicherheit im Alter. Wiesbaden: VS Verlag

Nur ein Bruchteil der Älteren arbeitet heute bis zur Rente mit 65. Im Jahr 2005 gelang gerade 9,2 Prozent der Männer und 5 Prozent der Frauen über 65 Jahren der nahtlose Übergang aus sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung oder Altersteilzeit in den Ruhestand. Auch mit der Anhebung der Rentenaltersgrenze auf künftig 67 Jahre oder mehr wird keinesfalls das Alter für den Austritt aus dem Beruf automatisch ansteigen. Sowohl die Situation auf dem Arbeitsmarkt wie auch der jeweilige Gesundheitszustand erfordern vielmehr eine sozialverträgliche Gestaltung des Altersübergangs um Härten zu vermeiden, zeigt eine aktuelle Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen.

Für das Forschungsnetzwerk Alterssicherung der Deutschen Rentenversicherung haben die Wissenschaftler der Uni Duisburg-Essen zusammen mit dem Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) umfassend die Entwicklung der Alterserwerbstätigkeit in den letzten zehn Jahren und die soziale Sicherung im Alter untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die soziale Sicherung im Ruhestand stärker als bisher auf einer langen Erwerbsphase beruhen wird, gleichzeitig zeigt sich eine Polarisierung des Rentenübergangs:

Auf der einen Seite gehen Personen mit hohen Arbeitseinkommen und hohen Rentenansprüchen vorzeitig in den Ruhestand, da sie die Rentenabschläge leicht verkraften können. Die Forscher sehen aber die Gefahr, dass ein anderer Teil der Älteren bereits vor dem Rentenalter aus dem Arbeitsleben ausscheiden muss – abgedrängt in Arbeitslosigkeit und mangels aussichtsreicher Alternativen auf dem Arbeitsmarkt „geflüchtet“ in die Altersrente – mit merklichen Rentenabschlägen und einer Einkommensminderung, die zu einer schmerzlichen Beeinträchtigung des Einkommens- und Lebensstandards im Alter führt.

Die Studie untersucht ein breites Spektrum von Einflussfaktoren auf den Altersübergang – vom institutionellen Rahmen über individuelle Entscheidungen im Haushaltszusammenhang, die Arbeitsbedingungen und Personalpolitik für Ältere im Betrieb wie auch die Arbeitsmarktpolitik und Arbeitsmarktvermittlung gegenüber Älteren. Zum Abschluss werden einige Optionen für die Gestaltung des Altersübergangs vorgestellt, favorisiert wird ein „gleitender Übergang“ ähnlich der auslaufenden Altersteilzeit, der zwischen den Tarifpartnern ausgehandelt werden sollte.

 

Castel, Robert / Dörre, Klaus (Hrsg.), (2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt/New York: Campus Verlag

Einleitend stellen Castel und Dörre fest, dass „am Beginn des 21. Jahrhunderts […] die soziale Frage in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zurückgekehrt“ ist, und „Begriffe wie Prekarität, Abstieg und Ausgrenzung […] in aller Munde“ sind (S. 11). Tatsächlich haben Fachtermini wie Prekarität und Prekarisierung in den vergangenen Jahren sichtbar an Bedeutung gewonnen und sind, neben ihrer öffentlichen und medialen Wahrnehmung, zu wissenschaftlichen Analysekategorien avanciert, mit denen die – meist von der Arbeitswelt ausgehenden – sozialen Spaltungen untersucht werden (sollen).

Mit dem von Robert Castel und Klaus Dörre herausgegebenen Band „Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung“ liegt nun eine systematische Dokumentation der Prekaritätsdebatte sowohl in Deutschland als auch in internationaler Perspektive, vor. Hierzu werden in einem Einführungskapitel zunächst die grundlegenden Theoriefolien, Begriffe und Zeitdiagnosen dargestellt und vor dem Hintergrund der Frage nach der „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ (Castel) sowie „Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus“ (Dörre) erörtert. Eine gesellschaftsanalytische Auseinandersetzung der neu gestellten sozialen Frage vor dem Hintergrund der Prekarisierungs- und Geschlechterforschung (Aulenbacher) rundet das erste Kapitel ab.

In Anlehnung an Castels „Drei-Zonen-Modell“ sind die umfangreichen Beiträge zur weiteren Auseinandersetzung mit der Thematik in die Abschnitte die „Überzähligen“ (Ausschluss aus dem Erwerbssystem, räumliche und soziale Ausgrenzung), die „Prekarier“ (Verstetigung unsicherer Beschäftigungs- und Lebensformen), sowie die „Absteiger“ (Verunsicherung im Zentrum der Gesellschaft) gegliedert. Die Castel’schen Überlegungen einer bislang integrierten jedoch vom Absturz bedrohten Arbeiter- bzw. Mittelklasse, einem von Arbeitslosigkeit und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen demotivierten Arbeitnehmerkreis sowie die Gruppe der aus ‚Platzmangel‘ nicht mehr über das Arbeitssystem integrierten oder nicht mehr zu integrierenden Personen werden hierbei in den diversen Beiträgen aufgegriffen, auf spezielle Sachverhalte (wie zum Beispiel die Wirkung der Hartz Reformen) übertragen und weitergedacht. Hier finden sich Aufsätze namhafter Wissenschaftler (wie Wacquant, Kronauer, Ludwig-Mayerhofer, Vogel, Kraemer, Lessenich, Struck und viele weitere), die die Prekaritätsdebatte nachhaltig geprägt haben und zur weiteren Vertiefung beitragen.

Unter dem Titel „Die (Un-)Solidarischen – Partizipation und Selbstorganisation der Unorganisierten“ wird in einem letzten Kapitel in zweierlei Hinsicht nach Solidarität gefragt. In Anlehnung an den von Durkheim geprägten Begriff der ‚organischen Solidarität‘ wird zunächst Solidarität als gesellschaftliche Loyalität (d.h. als „gegenseitiges Aufeinanderangewiesensein und Zusammenwirken verschiedener (Berufs-) Gruppen in einer arbeitsteiligen Gesellschaft“) in Verbindung mit Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen in der Industriegesellschaft untersucht (Hofmann, S. 319). In einem nächsten Schritt wird sodann der Frage nach der „Klassensolidarität“ (d.h. des „Zusammenhaltes innerhalb der (Berufs-) Gruppen beziehungsweise Kollektive“) gestellt (Hofmann, S. 320). In den insgesamt sechs Beiträgen werden die Ausgangsüberlegungen dabei aufgegriffen und nicht nur allgemein diskutiert, sondern erneut auf spezielle Gruppen und Bewegungen (wie etwa die Selbstorganisierung am Beispiel der Frauenbewegung (Nowak) oder politische Verarbeitungsformen gefühlter sozialer Unsicherheit am Beispiel Rechtspopulismus (Flecker/Krenn)) angewendet.

Insgesamt gelingt unter der Herausgeberschaft von Castel und Dörre eine beeindruckend umfangreiche Bestandsaufnahme und Diskussion der „sozialen Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts“, die besonders durch die internationale Perspektive an Aussagekraft gewinnt. Schließlich kann, und das zeigt sich, Prekarisierung in den einzelnen europäischen Ländern höchst Unterschiedliches bedeuten. Durch die Vielfältigkeit der Betrachtung und die breite Beteiligung diverser Wissenschaftler realisieren Castel und Dörre einen längst überfälligen Sammelband, in dem sowohl übergreifende Zusammenhänge dargestellt aber auch spezielle Fragestellungen beantwortet werden.

 

Möller, Joachim / Walwei, Ulrich (Hrsg.), (2009): Handbuch Arbeitsmarkt 2009. Buchreihe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Bielefeld

Im Jahr 2008 waren auf dem deutschen Arbeitsmarkt zunächst vor allem positive Entwicklungstrend zu beobachten. Die gestiegene Zahl von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen ging dabei mit dem Abbau der Arbeitslosigkeit Hand in Hand. Bereits Ende des Jahres 2008 zeichnete sich jedoch ein Richtungswechsel ab. Zunächst kühlte das konjunkturell bedingte Wachstum im Oktober und November 2008 deutlich ab, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm nur noch wenig zu. Im Dezember 2008 fand die positive Entwicklung dann ihr vorläufiges Ende, auf dem bundesdeutschen Arbeitsmarkt konnte kein weiterer Beschäftigungsanstieg verbucht werden. Vor diesem Hintergrund stellen sich die Herausgeber Möller und Walwei die berechtigte Frage, ob es sich bei der jüngst zu beobachtenden positiven Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland um eine Trendwende oder nur um ein Strohfeuer handelt.
Das im Rahmen der Buchreihe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung veröffentlichte ‚Handbuch Arbeitsmarkt 2009‘ gibt auf über 500 Seiten mit einer umfangreichen Bestandsaufnahme detaillierte Antworten. Schwerpunktartig werden dabei zunächst die Entwicklungen und Perspektiven des deutschen Arbeitsmarktes ab 2003 skizziert, die aktive Arbeitsmarktpolitik in Deutschland und ihre Wirkungen umfangreich und präzise in diversen relevanten Teilbereichen analysiert und abschließend die zentralen Indikatoren des deutschen Arbeitsmarktes herausgearbeitet. Dabei diskutieren die Expertinnen und Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter anderem Fragen nach der Wirkung der aktiven Arbeitsmarktpolitik in Deutschland, den Auswirkungen der EU-Osterweiterung auf den Arbeitsmarkt, den Problemen bei der Integration von Migranten in Arbeitsmarkt und Bildungssystem und der Entwicklung des dualen Systems der Berufsausbildung. Zudem werden umfangreiche – zum Teil auch international vergleichende – Daten zu zentralen Indikatoren des Arbeitsmarktes zur Verfügung gestellt.

Durch die anschauliche und nachvollziehbare Präsentation des Datenmaterials, den hohen Informationsgehalt und die umfassende Diskussion der einzelnen Faktoren und Aspekte gelingt dabei die anvisierte Bestandsaufnahme, die zukunftsperspektivisch interessante Folgefragen aufwirft und zu Prognosen berechtigt.

 

Möller, Joachim / Walwei, Ulrich (Hrsg.), (2009): Handbuch Arbeitsmarkt 2009. Buchreihe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Bielefeld

Als Ergebnis der Tagung „Arbeitsmarkt und Sozialpolitik“ (SAMF e.V./Hans-Böckler-Stiftung) legen die Herausgeber Hartmut Seifert und Olaf Struck eine interessante und lesenswerte Dokumentation vor, die in drei Teile gegliedert ein breites Themenspektrum der „Kontroversen um Effizienz und soziale Sicherheit“ abdeckt.

Ausgangspunkt der Überlegungen stellen die gegenwärtig zu beobachtenden Arbeitsmärkte mit ihren eigenen Funktionsdynamiken und speziellen Anforderungsprofilen dar. Flexibilität, Mobilität und Qualifikation gelten als Eintrittskarte in einen schnellen Markt, der seinerseits an Sicherheitsgarantien eingebüßt hat und Risiken zusehends an die Erwerbsbevölkerung weitergibt. Struck und Seifert rücken die Frage, inwiefern Flexibilität und Effizienz als Funktionsvoraussetzungen von Arbeitsmärkten mit Autonomie, Wohlfahrt und Sicherheit als Bedürfnisse der Arbeitnehmer in Einklang zu bringen sind, ins Zentrum der Diskussion.

In einem ersten Schritt werden hierzu Nutzen und Akzeptanz der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik betrachtet. Durch die Verbindung von theoretischen Ansätzen und ihrer Anwendung auf praktische Beispiele, werden Nutzen, Kosten und Akzeptanz der sozialpolitischen Arbeitsmarktgestaltung deutlich herausgearbeitet und zu weiterführenden Denk-, Handlungs- und Forschungsansätzen verdichtet.

Im zweiten Teil des Bandes werden, vor dem Hintergrund der Wechselwirkungen von Arbeitsmärkten und Sozialpolitik, gezielt einzelne Gruppen und institutionelle Regelungen auf dem Arbeitsmarkt genauer untersucht. An dieser Stelle finden sich interessante Beiträge zu den Einkommensfolgen von Betriebsmobilität und –stabilität (Hacket), Teilhabechancen von Menschen in atypischen Beschäftigungsverhältnissen (Baltes/Hense), Arbeitsvermögen im Kontext des SGB II (Pfeiffer, Hacket, Ritter, Schütt), Geschlechterbeziehungen in der sozialen Marktwirtschaft (Baur), Kombilöhnen als Systembruch oder Zeugnis von Pfadabhängigkeit (Börner) sowie eine Evaluation der Hartz- Reformen (Buntenbach).

Abschließend wird im dritten und letzten Teil des Bandes ein Blick über die bundesdeutschen Grenzen hinweg in die Nachbarstaaten gewagt. Hierzu setzt sich Claudia Bogedan mit der Umsetzung des EU-Konzepts der „Flexicurity“ auseinander und diskutiert den Ansatz beispielhaft an Dänemark als Erfolgsmodell. Anschließend gehen Zirra und Preunkert der Frage nach, inwieweit die Europäische Beschäftigungsstrategie (zwischen 2000 und 2005) zu den Arbeitsmarktreformen in Deutschland, Frankreich und Italien beitragen (konnte).

Insgesamt realisieren Struck und Seifert einen gelungenen Sammelband interessanter Beiträge, in dem „wichtige Bausteine für Wege zu mehr Effizienz und Sicherheit bei der Gestaltung flexibler Arbeitsmärkte“ (S. 8) herausgearbeitet werden. Dabei liegt die Stärke der Zusammenstellung in der Ausrichtung, kein geschlossenes Konzept zu verfolgen. Insgesamt wird so sowohl in die Thematik grundlegend und übersichtsartig eingeführt, als auch spezifische Sachverhalte und Fallbeispiele detailliert und tiefgreifend diskutiert. Die Auswahl der Beiträge über ein Peer review Verfahren wird dabei in der informativen und inhaltsstarken Ausgestaltung der einzelnen Texte deutlich, die sich nicht nur im Gesamtverbund sondern auch als Einzellektüre lohnen.

 

Bellmann, Lutz / Kühl, Alexander (2008): Expansion der Leiharbeit? Eine Bestandsaufnahme auf Basis des IAB-Betriebspanels.

Spätestens seitdem die gewerbliche Arbeitnehmerüberlassung im Jahre 2003 großzügig dereguliert wurde, ist die Beschäftigungsform Leiharbeit Inhalt diverser Analysen und Debatten. Wenngleich der Anteil der Leiharbeitnehmer an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten immer noch vergleichsweise gering ausfällt, so lassen die enormen Wachstumsraten des Leiharbeitssektors auf den steigenden Belang der Arbeitsform schließen. Mit der Veröffentlichung der Hans-Böckler-Stiftung, die gleich zwei Forschungsberichte umfasst, liegt eine aktuelle und systematische Darstellung der Arbeitsform vor, in der auf Basis des IAB-Betriebspanels eine solide Bestandsaufnahme sowie weitere Diskussion der Arbeitsform gelingt. Gleichzeitig wird das Augenmerk auf konkrete Sachverhalte gelegt, welche intensiv im Zusammenspiel verschiedener Wirkungen analysiert werden.
Vor diesem Hintergrund bilden vier Hypothesen den Kern der Fragestellung von Bellmann und Kühl, die sich zunächst mit der „Expansion der Leiharbeit“ auseinander setzen. Sie untersuchen, inwiefern sich die Nutzungsintensität auf Veränderungen der betrieblichen Rahmenbedingungen auswirken; inwieweit die durch die Deregulierung verursachte rasante Entwicklung von einzelnen Nutzergruppen zu unterschiedlichen Anteilen getragen wird; ob und wie Leiharbeit in einem Wechselverhältnis zu anderen Formen der atypischen Beschäftigung steht; und ob die Nutzungsintensität entleihender Unternehmen eher steigt, als dass Betriebe neu in die Leiharbeitsnutzung einsteigen (S. 17).
Im zweiten Teil der Auseinandersetzung mit Leiharbeit legen Klemm, Sandig und Schuberth den Fokus auf die „klassischen“ Intensivnutzer von Leiharbeit und fragen danach, inwiefern diese „Arbeitsnehmerüberlassung (systematisch) in ihre Produktions- und Personalkonzepte integrieren, inwieweit sie Anpassungsalternativen an den schwankenden Arbeitskräftebedarf substituieren, auf welche Qualifikationen sie dabei zurückgreifen, wie sie ihre Beziehungen zu den Verleihbetrieben organisieren, und wie das Verhältnis zur regulären Belegschaft sowie zum Betriebsrat tangiert wird“ (S. 88).
Insgesamt liegen damit zwei hoch interessante Berichte zur Leiharbeit vor. Wenngleich Leiharbeit in beiden Arbeiten als Wachstumsbranche im deutlichem Aufschwung wahrgenommen wird, während vor dem Hintergrund des enormen Abbaus von Leiharbeit seit Ende 2008 gegenwärtige Arbeiten eher die umgekehrte Perspektive im Blick haben, so eignen sich die Forschungsberichte hervorragend dazu, die Branche und ihre Entwicklung nachzuvollziehen. Denn, und auch das wird deutlich, trotz enormer Konjunkturabhängkeit bestehen in der Leiharbeitsbranche eigene Funktionslogiken, die trotz momentaner „Krise“ weiterhin bestand haben. Für die Auseinandersetzung mit der Thematik bietet die Veröffentlichung daher eine solide empirische Diskussions- und Analysebasis, die vor allem durch ihre Eingrenzung auf explizite Sachverhalte im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung interessant wird.
 

Bogedan, Claudia / Müller-Schoell, Till / Ziegler, Astrid (Hrsg.), (2008): Demografischer Wandel als Chance. Erneuerung gesellschaftlicher Solidaritätsbeziehungen? Hamburg: VSA-Verlag,

Nachdem die Auseinandersetzung mit dem demografischen Wandel (in Deutschland aber auch auf internationaler Ebene) lange Zeit lediglich in Expertenkreisen diskutiert wurde, ist die Thematik seit einigen Jahren auch zunehmend Inhalt öffentlicher Debatten. Die vertiefende Diskussion des demografischen Umbruchs ist durchaus berechtigt, wird er doch Gesellschaft und Politik verändern, beeinflussen, herausfordern und in Frage stellen.

Ausgehend von der zentralen Annahme über die ‚Alterung der Bevölkerung‘ sehen sich alle politischen und gesellschaftlichen Teilgebiete mit dem demografischen Umbruch konfrontiert; auch und insbesondere wohlfahrtsstaatliche Leistungen stehen dabei vor großen Herausforderungen. Dass Handlungs- und Reformbedarf besteht ist demnach unstrittig, Strategien und Reformoptionen werden jedoch kontrovers diskutiert. Dabei ist zu beobachten, dass der demografische Wandel nicht selten als dunkle Wolke einer schrumpfenden Bevölkerung interpretiert wird, dessen unaufhaltsame Zerstörungskraft die bundesdeutsche Gesellschaft dramatisch verändern wird.

Mit dem Titel „Demografischer Wandel als Chance – Erneuerung gesellschaftlicher Solidaritätsbeziehungen“ betrachten Bogedan u.a. das Thema aus einer anderen Perspektive. Ohne die beobachtbaren Veränderungen und Herausforderung sowie den dadurch bedingten Handlungsbedarf „negieren“ zu wollen, begreifen die Autoren den demografischen Umbruch als „gestaltbare Aufgabe“. So wird auf die drei Themenfelder der Wirtschafts- und Strukturpolitik, des Arbeitsmarktes, und der Sozialen Sicherung ein „explizit positiver“ Blick geworfen, um dadurch die „Chancen einer positiven staatlichen Regulierung herauszuarbeiten und möglicherweise Interventionen und somit politische Handlungsbedarfe (…) zu ermitteln“ (S.7f).

Als Ergebnis der Tagung „Chancen des demografischen Wandels“ (WSI/Hans-Böckler-Stiftung) hält der Sammelband eine Fülle dementsprechender Antworten und Anregungen zu den Grundfragen

  • Welche Verbesserungen individueller Lebens- und Arbeitsbedingungen sind möglich und nötig?
  • Wo gewinnt der Staat, wo schafft er Gestaltungsspielräume?
  • Wo können und sollen gesellschaftliche Solidaritätsbeziehungen erneuert werden?

bereit. Dabei wird das Thema in insgesamt elf Beiträgen auf erfrischende und konstruktive Weise diskutiert und schließlich zu einem Gesamteindruck verdichtet, der den Demografischen Wandel als Impuls für notwendige Veränderungen begreift und die Möglichkeiten aufzeigt, diese sozialverträglich und (generationen-)gerecht anzugehen. Der Band ist besonders für Leser, die sich mit der Thematik auf anregende und ideenreiche Weise auseinandersetzen wollen, sehr als Lektüre zu empfehlen.

 

Frings, Dorothee (2008): Sozialrecht für Zuwanderer. Baden-Baden: Nomos Verlag

Endlich! Endlich gibt es (wieder) eine umfassende Gesamtdarstellung des Sozialrechts für die ausländische Bevölkerung, Migranten und Zuwanderer. In kaum einem Überblick und/oder Lehrbuch wird die sozial- und arbeitsmarktrechtliche Stellung der ausländischen Bevölkerung verständlich und in Umfang angemessen thematisiert. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Rechts- und damit Lebenslage und der Arbeitsmarktzugang insbesondere dieser Bevölkerungsgruppe nicht nur durch das deutsche Sozial- und Arbeitsrecht, sondern auch durch europäische und internationale Rechtssysteme normiert wird.

Licht in das Dickicht bringt nun das „Sozialrecht für Zuwanderer“ von Dorothee Frings. Die Darstellung folgt – zum Glück – nicht der Gesetzessystematiken, sondern ist gegliedert nach dem aufenthaltsrechtlichen Status der (potentiellen) Zuwanderer. Damit ist der Band nicht nur eine solide Informationsgrundlage für sozialwissenschaftliche Arbeitsmarkt- und Sozialpolitikforschung, sondern findet sicherlich auch gut Verwendung als Handbuch in der Beratungspraxis. Ein ausführliches Glossar und Stichwortverzeichnis helfen bei der (schnellen) Suche, und das Literaturverzeichnis gibt Hinweise über die Grundlagen und die weitere Recherche.
Erste Erfahrungen in der Arbeit mit dem Buch drängen zu einer dringenden Empfehlung für alle Sozialwissenschaftler/innen und Praktiker/innen, die sich in irgendeiner Weise mit den Arbeits- und Lebenslagen der ausländischen Bevölkerung befassen.

 

 

Huster, Ernst-Ulrich / Boeckh, Jürgen / Mogge-Grotjahn, Hildegard (Hrsg.), (2008): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung. Wiesbaden: VS Verlag

Die Auseinandersetzung mit Armut und sozialer Ausgrenzung ist im wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und öffentlichen Diskurs zunehmend präsenter. Dabei steht nicht mehr nur die zentrierte Auseinandersetzung mit persönlichen Armutslagen im Vordergrund, auch Wechselwirkungen mit Lebenslagen wie Arbeit, Einkommen, Bildung, Gesundheit und Wohnen gilt es zu diskutieren. Einen solchen Wirkungszusammenhang unterstellen auch Huster, Boeckh und Mogge-Grotjahn in ihrem Handbuch. In strukturierter und umfangreicher Art und Weise haben Sie deshalb Artikel zu den verschiedenen Aspekten von Armut und sozialer Ausgrenzung und deren Verknüpfung zusammengetragen. Dabei gelingt es den Herausgebern, eine einseitige Betrachtung zu vermeiden. So werden zentrale Erkenntnisse aus Theorie und sozialer Praxis sinnvoll miteinander verknüpft und damit eine präzise und umfassende Gesamtbetrachtung realisiert.

Nach einer übersichtlichen Einleitung werden in den vier folgenden Kapiteln zunächst Theorien der Armut (Kapitel II) besprochen, in einen historischen Zusammenhang gebracht (Kapitel III: Geschichte der Armut und soziale Ausgrenzung), mit der problemorientierten Darstellung der gesellschaftlichen Prozesse und Lebenslagen von Armut und sozialer Ausgrenzung (Kapitel IV) ergänzt und schließlich durch die Diskussion von Bewältigungsstrategien (Kapitel V) komplettiert. Die einzelnen Artikel überzeugen dabei durch Ihren höchst informativen Inhalt und die umsichtige und nachvollziehbare Machart.

Insgesamt gelingt eine theoretische und empirische Bestandsaufnahme, die ein reformperspektivisch interessantes Veränderungswissen vermittelt und als Orientierung für praktische Handlungsebenen und –felder dient. Aufgrund der Fülle von Artikeln und Informationen ist das Handbuch deshalb nicht nur zur Auseinandersetzung mit Armut und sozialer Ausgrenzung, sondern darüber hinaus auch aus soziologischer, sozialpolitischer, gesellschaftskritischer und gerechtigkeitstheoretischer Sicht als Lektüre nachdrücklich zu empfehlen.

 

Klecha, Stephan / Krumbein, Wolfgang (Hrsg.), (2008): Die Beschäftigungssituation von wissenschaftlichem Nachwuchs, Wiesbaden: VS Verlag

Die Wissenschaftslandschaft befindet sich derzeit in einer Umbruchphase. Neue Finanzierungsmodelle, die Einführung der Exzellenzinitiative und die, durch den Bolognaprozess ausgelöste, Reform der Studienprogramme führen zu Veränderungen sowohl im Bereich der wissenschaftlichen Arbeit, als auch im Bereich der wissenschaftlichen Ausbildung. Die Autoren des vorliegenden Buches stellen sich, ausgehend von den aufgezeigten Veränderungen, die Frage, wie sich die Beschäftigungssituation junger Wissenschaftler verändert und wie diese Veränderung zu bewerten ist.

Im Bereich der Wissenschaft spielen Normalarbeitsverhältnisse, speziell beim wissenschaftlichen Nachwuchs, keine ausschlaggebende Rolle. Vielmehr sind befristete Verträge und Teilzeitverträge an der Tagesordnung. Es stellen sich also mehrere Fragen:

Ist das Vorherrschen atypischer Beschäftigungsformen bei wissenschaftlichen Mitarbeitern Teil einer „normalen“ Entwicklung oder sind die Formen atypischer Beschäftigung als prekäre Beschäftigungsformen zu problematisieren?

Wie reagieren jüngere Wissenschaftler auf diese Situation, sind sie durch die unklaren Karrierechancen verunsichert oder können sie sich mit dem Qualifizierungssystem arrangieren?

Zur Beantwortung dieser Fragen wurde am Institut für Regionalforschung der Universität Göttingen eine Studie durchgeführt, die sich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses in den Bereichen Germanistik, Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaften beschäftigt.

Die Ergebnisse der Studie werden nun in diesem Sammelband von Stephan Klecha und Melanie Reimer vorgelegt.

Sie werden ergänzt durch die Ergebnisse eines im Rahmen der Untersuchung durchgeführten Workshops. Die daraus entstandenen Beiträge beinhalten sowohl Überlegungen zu einzelnen Fachdisziplinen (Ursula Birsl: Politikwissenschaft, Fank Möbius: Germanistik), als auch vertiefende Überlegungen zum Analyserahmen der Studie (Klaus Dörre und Matthias Neis).

 

Klenk, Tanja (2008): Modernisierung der funktionalen Selbstverwaltung. Universitäten, Krankenkassen und andere öffentliche Körperschaften. Frankfurt/New York: Campus Verlag

Eine Auseinandersetzung mit der funktionalen Selbstverwaltung wirkt im ersten Moment unpopulär, wenig spannend und schwer greifbar. Dieser Eindruck ist jedoch nicht inhaltlich, sondern überwiegend durch die (kaum vorhandene) mediale Aufmerksamkeit zu erklären. So stellt auch Klenk in ihrer interessanten und umfangreichen Auseinandersetzung mit der Thematik einleitend fest, dass die grundlegende Reform in großen Teilbereichen der öffentlichen Verwaltungen „weitgehend unbemerkt von der öffentlichen Wahrnehmung“ stattgefunden hat (S.11), und sich die fehlende Aufmerksamkeit zudem auch „in der wissenschaftlichen Behandlung des Themas fort[setzt]“ (S.13). In ihrer Auseinandersetzung gelingt es Klenk jedoch, systematisch in das Thema einzuführen, es abzugrenzen und anhand von Fallstudien zur Selbstverwaltung im Bereich der Bildung und sozialen Sicherung tiefgründig zu analysieren.
Zentrales Objekt der Betrachtung sind die Leitungsreformen in der funktionalen Selbstverwaltung. Sie sind „häufig Teil eines Reformpaketes und verlaufen parallel zu Dezentralisierung bzw. Rechtsformwandel oder zu Rekrutierung der Aufbau- und Ablauforganisation“ (S.12), werden im Gegensatz zu weiteren Reformaspekten im Kontext der Staats- und Verwaltungsmodernisierung (wie der Einsatz betriebswirtschaftlichen Instrumentariums, der Personal- und Organisationsentwicklung, Zielvereinbarungen und Kennzahlensteuerung etc.) jedoch weniger wahrgenommen. Aufgrund der beobachtbaren Reorganisation bei gleichzeitig mangelnder wissenschaftlicher, öffentlicher und praktischer Reflexion stellt die Gestaltung der Leitungsstrukturen und Leitungsreformen jedoch den Ausgangspunkt des Forschungsprojektes dar. Dabei widmet sich Klenk schwerpunktartig den Fragen nach den Folgen der veränderten Leitungsstrukturen in der öffentlichen Organisation, den Mechanismen der Willensbildung und Entscheidungsfindung, der Dominanz einzelner Reformtrends, typischen Schwierigkeiten und wiederkehrenden Problemen sowie einer abschließenden Bewertung der reorganisierten Leitungsstrukturen (S.16f). Im Untersuchungsfeld der „funktional verselbstständigten Verwaltungsträger“ (S.18) lag der Fokus dabei auf sieben ausgewählten Organisationsfeldern aus dem Bereich der Bildungs- und Sozialpolitik, die gegenwärtig von besonderem Interesse sind (S.19).

Abschließend werden die dominanten und sektorübergreifenden Trends bei der Leitungsorganisation der funktionalen Selbstverwaltung skizziert, ungelöste Probleme identifiziert und die Veränderungswirkung kritisch geprüft.

Trotz interessanter und aussagekräftiger Detailerkenntnisse werden von den gegenwärtigen Leitungsreformen im Bereich der funktionalen Selbstverwaltung Klenk zufolge „nur wenige Veränderungsimpulse“ (S. 255) ausgehen. Schließlich fehle den Reformprozessen eine modellhafte Leitvision für die Selbstverwaltung, die grundsätzlich aus einer (nicht vorhandenen) öffentlichen Debatte abgeleitet werden könnte. Für eine zukünftige fundierte Auseinandersetzung mit der Thematik eignet sich Klenks Analyse deshalb hervorragend als Wissens- und Erkenntnisbasis, und ist auch für bisherige Selbstverwaltungs-Laien zu empfehlen.

 

Koch, Angelika (2008): Allzeitverfügbar? Rechtsansprüche auf Teilzeit in der betrieblichen Praxis bei Hochqualifizierten mit Kindern. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot

Die sich wandelnden Geschlechterverhältnisse auf dem (deutschen) Arbeitsmarkt sind bereits seit geraumer Zeit Inhalt diverser Analysen und Debatten. Dabei liegt nicht selten der Fokus auf der zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit unter Berücksichtigung von diversen Ursachen, Zugangshürden, Problemlagen und Wirkungszusammenhängen.

In diesem Zusammenhang leistet die Studie von Koch einen neuen interessanten Beitrag. Die Untersuchung konzentriert sich vor allem auf hochqualifizierte Frauen, die in entsprechenden Positionen tätig sind und durch ihre Familienplanung mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindererziehung konfrontiert werden. Als weiteres Merkmal steht die Umsetzung des rechtlichen Anspruches auf Teilzeitbeschäftigung im Zentrum der Auseinandersetzung.

Anhand von ausführlichen Fallanalysen beantwortet Koch schwerpunktartig Fragen nach der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familienaufgaben bei Tätigkeiten im hochqualifizierten Bereich, dem Gelingen der Umsetzung von Teilzeitrechten von Hochqualifizierten mit Kindern, den dabei sichtbar werdenden Barrieren und Potenzialen, und den Einflussfaktoren, die in der betrieblichen Praxis wirken.

Methodisch setzt Koch zunächst bei der Darstellung des „gesellschaftlichen Problemkontextes“ (S. 17) an. Dabei werden vor allem diverse empirische Befunde der Arbeitsmarktforschung und Arbeitsmarktpartizipation von Frauen mit Kindern sowie Forschungsergebnisse zu geschlechtsspezifischen Erwerbsverläufen diskutiert. Dem schließt sich die Auseinandersetzung mit den institutionellen Rahmenbedingungen als zentralen Einflussfaktoren auf das Erwerbsverhalten von Frauen mit Kindern an. Danach wird der Forschungsstand geschildert und die jeweiligen Befunde analysiert. Insgesamt gelingt eine anschauliche Beschreibung, die auf inhaltliche und methodische Probleme der vertiefenden Auseinandersetzung verweist. Dabei arbeitet Koch diverse Einzelaspekte detailliert und problemorientiert heraus und leitet daraus die Zielsetzung der folgenden Studie nachvollziehbar ab. Hier liegt das Forschungsinteresse auf der „betrieblichen Implementation der gesetzlichen Teilzeitansprüche unter dem Gesichtspunkt der Kombination von hochqualifizierter Erwerbsarbeit und Fürsorgearbeit für hochqualifizierte Beschäftigte mit Kindern“ (S. 64). Hinsichtlich Design und Instrumentarium wird ein qualitativer Forschungszugang gewählt und mit leitfadengestützten Interviews umgesetzt.

Mit ihrem Blick sowohl auf die Betriebsebene als auch auf die Ebene der individuellen Lebensführung realisiert Koch schließlich eine ausführlichen Analyse und Ergebnisevaluation. Diese zeichnet sich durch ihre breite Erklärungskraft hinsichtlich des betrieblichen Umgangs mit Vereinbarkeitsrechten aus. Betriebliche Entscheidungen und Argumentationszusammenhänge werden dabei transparent und realitätsnah dargestellt. Damit erschließt Koch insgesamt eine wichtige Dimension der Arbeits- und Geschlechterpolitik im Betrieb und liefert auch für die vertiefende und zukünftige wissenschaftliche, gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung eine umfangreiche und valide Daten- und Erkenntnisbasis.

 

Schubert, Klaus / Hegelich, Simon / Bazant, Ursula (Hrsg.), (2008): Europäische Wohlfahrtssysteme: Ein Handbuch. Wiesbaden: VS Verlag

„In diesem Handbuch wird die Sozial- und Wohlfahrtspolitik der EU-25-Staaten und die wohlfahrtspolitische Entwicklung der EU dargestellt und analysiert. Weiterhin wird die sozial- und politikwissenschaftliche Debatte über die Entwicklung der Wohlfahrtssysteme in Europa rekapituliert und fortgesetzt. Das Buch dient somit als umfassende Einführung in die sozial- und wohlfahrtspolitische Praxis der europäischen Länder“ (Schubert et al, „Klappentext“).

Mit dieser schlichten Beschreibung kündigt sich der Inhalt des Handbuchs von Schubert et al an, der bei genauem Hinsehen keinerlei Grund zur Bescheidenheit liefert. Schubert et al legen mit ihrem Werk eine systematische und informative Übersicht vor, in der jeder der EU-25-Staaten sorgfältig untersucht und hinsichtlich seiner Wohlfahrtsstaatlichkeit diskutiert wird.

Bereits die Einleitung liest sich als hervorragende Übersicht über den Stand der Forschung. Hier werden die prominentesten Ansätze der (vergleichenden) Wohlfahrtsstaatenforschung der letzten Dekaden systematisiert, knapp dargestellt und kurz diskutiert.

Im zweiten Teil des Handbuchs folgen individuelle Länderstudien aller Mitgliedstaaten. Dabei zeichnen sich die einzelnen Aufsätze insbesondere auch durch eine ähnliche Aufsatzstruktur aus, die dem Leser die Möglichkeit zum direkten Vergleich bietet. Grob lässt sich das jeweilige Vorgehen der Länderstudien in drei Sinnabschnitte gliedern: Einführend wird jeweils die historische Entwicklung von Sozialpolitik und Sozialstaatlichkeit des Staates dargestellt. Dem schließt sich eine Deskription des sozial- staatlichen/sozialpolitischen „Status quo“ an, bevor in einer abschließenden Bewertung die Charakteristika des Untersuchungsstaates noch einmal herausgearbeitet und zu einem Ausblick verdichtet werden.

Im dritten Teil des Handbuches sind abschließend zwei weitere Texte zu finden, in denen die vergleichende Methodik subsummiert und den Europäischen Wohlfahrtssystemen ein „politisch limitierter Pluralismus als europäisches Spezifikum“ attestiert wird.

Abschließend bleibt zu konstatieren, dass dieses Handbuch genau das ist, was es zu sein verspricht: Ein Buch, das man gerne und oft zur Hand nimmt. Besonders die thematische Breite ist bemerkenswert, findet der Leser in diesem Überblickswerk neben den „üblichen Verdächtigen“ der Wohlfahrtsstaatenforschung (wie die skandinavischen Länder, Großbritannien, Niederlande oder Deutschland etc.) doch auch intensive Auseinandersetzungen mit „Exoten“ wie Malta oder Litauen. Im Ergebnis realisieren die Autorinnen und Autoren durchweg gelungene Texte, bei denen neben der dargestellten Grundstruktur auch die jeweiligen Landesspezifika nicht zu kurz kommen. Unterm Strich erzeugt das Handbuch von Schubert et al Vorfreude auf eine erweiterte Neuauflage und ist absolut empfehlenswert.

 

Thieme-Verlag (Hrsg.), (2008): Altenpflege in Lernfeldern. Schnell finden-schnell lesen- schnell verstehen. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag

Seit 2003 ist die dreijährige Ausbildung angehender Altenpflegerinnen und Altenpfleger handlungsbezogen und lernfeldorientiert aufgestellt. Die Inhalte der Ausbildung sind nach dem Bundesaltenpflegegesetz in vier Lernbereiche aufgeteilt, die sich wiederum in insgesamt 14 Lernfelder auffächern.

Thiemes „Altenpflege in Lernfeldern“ ist eine überarbeitete und gekürzte Zusammenschau verschiedener im eigenen Verlag erschienener Lehrbücher. Hierbei orientieren sich die diversen AutorInnen in der Ausgestaltung der Inhalte und in ihrer Strukturierung an den in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung (AltPflPrV) 2002 genannten Lernbereichen.

  • Lernbereich 1: Aufgaben und Konzepte in der Altenpflege
  • Lernbereich 2: Unterstützung alter Menschen bei der Lebensgestaltung
  • Lernbereich 3: Rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen altenpflegerischer Arbeit
  • Lernbereich 4: Altenpflege als Beruf

Der Anspruch, den sich der Verlag auf die Fahne bzw. auf den Buchrücken geschrieben hat, ist einen kurzen, präzisen und leicht verständlichen Überblick über alle Lerninhalte zu gewähren. Hierzu wurde ein sehr ansprechendes, reich mit Fotos und Schaubildern illustriertes Gesamtwerk gestaltet, welches zum Stöbern und Einlesen einlädt. Farblich abgesetzte Seitenränder sind mit knappen Merksätzen, Beispielen aus der Praxis oder Praxistipps, Informationen über weiterführende Literatur oder Internetadressen und Definitionen wichtiger Begriffe reichhaltig gefüllt.

Leider erscheint das Buch grade ob dieser Fülle stellenweise nicht sehr übersichtlich. Als hätten die AutorInnen Angst vor leeren, also weißen Flächen, ist jede Seite komplett mit Text oder Grafiken etc. ausgelastet, dadurch sind die Grenzen zwischen den einzelnen Lernfeldern suboptimal gekennzeichnet, trotz des eingehaltenen Seitenkonzepts. Häufig sind die Merksätze am Rand nicht im Fließtext wiederzufinden bzw. haben wenig Anschluss an die dortigen Erläuterungen. Zum Teil wirken die Angaben im Fließtext wie eine lose Informationssammlung, und dadurch etwas beliebig.

Insgesamt ist aber ein solider und fundierter Überblick über das gesamte Gebiet der Altenpflege durchaus gelungen, wesentliche Aspekte sind aufgeführt. Egal an welcher Stelle man das Buch aufschlägt: Überall gibt es etwas zu entdecken und anzuschauen, kleine „Appetithäppchen“, die zum Weiterlesen motivieren. Für seinen Hauptauftrag, der Vorbereitung auf die mit der Ausbildung verbundenen Prüfungen, bietet der Band den nötigen Lernstoff in attraktiver Verpackung. Dies kommt auch interessierten WissenschaftlerInnen zupass, die sich in die Inhalte der Ausbildung des im Altenpflegebereich arbeitenden (Pflege-) Personals einarbeiten möchten.

 

Vitols, Katrin (2008): Zwischen Stabilität und Wandel: Die Sozialpartnerschaft in Deutschland und die atypische Beschäftigungsform Zeitarbeit. Hamburg: Verlag Dr. Kovac

Zeitarbeit erfreut sich in Deutschland – besonders seit der gesetzlichen Deregulierung der Beschäftigungsform im Jahre 2003  – wachsender Beliebtheit. Im Juni 2008 waren 794.363 Personen als Zeitarbeitnehmer beschäftigt; verglichen mit dem Bestand im Juni 2003 eine Steigerung um knapp 243 Prozent (327.331) (Quelle: Arbeitnehmerüberlassungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit). Das enorme Wachstum des Zeitarbeitnehmerbestandes wirft folglich Fragen auf, die neben einer Analyse des Bestandes und der Beschäftigungsmodalitäten („atypische“ Attribute von Zeitarbeit) auch über Gründe und Ursachen für die Expansion der Branche Aufschluss geben sollten.

So geht Katrin Vitols (2008) in der Auseinandersetzung mit „Zeitarbeit in Deutschland“ weit über eine empirische Bestandsaufnahem hinaus und wählt einen theoretisch fundierten Zugang. Im Zentrum der Diskussion steht dabei das Ziel, die Auswirkungen der Zeitarbeit auf die deutsche Sozialpartnerschaft zu analysieren bzw. die Auswirkungen der Veränderungen im Beschäftigungssystem auf die Sozialpartnerschaft anhand der Beschäftigungsform „Zeitarbeit“ zu untersuchen und zu benennen.  

Als Grundlage dient zunächst die neoliberale These, nach der Zeitarbeit als Signal für das überholte Modell der deutschen Sozialpartnerschaft zu verstehen ist. Auf Basis des machttheoretischen institutionellen Erklärungsansatzes, der mit dem Konzept der institutionellen Logik im Handeln der Akteure verbunden wird, analysiert die Autorin die gesetzliche Entwicklung der Zeitarbeit seit ihrer Legalisierung in der BRD (Ende der 1960er Jahre). Dabei wird die Untersuchung insgesamt von drei Thesen geleitet: Neben der neoliberalen These wird zweitens die These abnehmender Regulierungsraft der deutschen Sozialpartner (die mit den neuen Beschäftigungsformen nicht mehr zurechtkommen und das Heft entweder an den Staat oder an das freie Spiel der Marktkräfte abgeben) untersucht. Drittens steht die These der Anpassungs- und Lernfähigkeit der Sozialpartner im Zentrum der Auseinandersetzung. In diesem Zusammenhang gilt es zu prüfen, inwiefern die Sozialpartner in der Lage sind, neue Phänomene aufzugreifen und in ihre Interessenvertretung erfolgreich zu inkorporieren.

Insgesamt wird im Rahmen der Auseinandersetzung der Anspruch erhoben, einen neuen Ansatz zur Erklärung von institutionellem Wandel zu entwickeln. Hierbei stehen eine pfadstabilisierende Mehrpfadlogik und/oder eine pfadverändernde Minderheitenlogik im direkten Zusammenhang mit dem Handeln der Akteure.

Vitols gelingt mit ihrer Betrachtung auf der einen Seite eine detaillierte Untersuchung von Zeitarbeit als atypische Beschäftigung, ihre Ausgestaltung und Funktion im Beschäftigungssystem sowie die Diskussion der Steuerung und Regulierung der Sozialpartner. Durch die theoretische Herangehensweise schafft es die Autorin auf der anderen Seite, Stabilisierungs- und Wandlungsprozesse in der Institution Sozialpartnerschaft in Deutschland zu brennen und zu analysieren. So kommt Vitols insgesamt zu dem Ergebnis, dass für die Institution Sozialpartnerschaft tendenziell Veränderungen im Sinne einer Pfadabweichung vorliegen. Vitols Abhandlung ist deshalb vor allem sehr für Leser zu empfehlen, die Zeitarbeit im institutionellen Kontext der Interessenvertretung und Formulierung betrachten wollen.

 

Bischoff, Joachim (2007): Allgemeines Grundeinkommen. Fundament für soziale Sicherheit? Hamburg: VSA-Verlag

Die Diskussion um die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens hat in den letzten Jahren wieder an Aktualität gewonnen. Diskutiert werden Vorschläge von fast allen gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Positionen, es dominieren Forderungen und Modelle aus (neo-)liberaler und radikal linken Richtungen. Joachim Bischoff setzt sich in seinem hundertseitigen Beitrag weniger mit einzelnen Modellen auseinander, sondern mit der Idee des allgemeinen Grundeinkommens und den zentralen Argumenten der Befürworter. Die Idee ist und wird schnell skizziert: Die Konzeption eines bedingungslosen Grundeinkommens basiert auf drei Festlegungen: Erstens soll eine Geldleistung in existenzsichernder Höhe aus den öffentlichen Haushalten unabhängig von der wirtschaftlichen Situation der Empfänger/innen geleistet werden. Zweitens sollen alle Bürger/innen individuell Anspruch auf das Grundeinkommen haben. Drittens soll – und das ist der entscheidende Aspekt – für das Grundeinkommen keinerlei Gegenleistung verlangt werden, eben bedingungslos gewährt werden (vgl. S. 10). Das Verhältnis von Einkommen und Arbeit soll nicht mehr bedingt gekoppelt sein, sondern entkoppelt werden – in Georg Vobrudas Worten.

Seine Position macht der Autor recht zeitig deutlich. Die Befürwortung auf politisch und wissenschaftlich breiter Front soll nicht dazu führen, „dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und sich gegen die Konzeption einer Grundsicherung überhaupt gewendet wird“ (S. 12). Zwischen dieser Einleitung und dem den Leser schon hier interessierenden Schlussworten liegt eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Aspekten der Debatte um ein Grundeinkommen und der damit zusammenhängende Debatten um die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, des (weltweiten) Kapitalismus und des Sozialstaats. Der Autor erläutert dabei seine Weltinterpretation, mal profund, mal fundiert, mal all dies weniger. Der Beitrag ist kein wissenschaftlicher, sondern ein politischer – genau so ist er angelegt und will sicherlich auch so verstanden werden. Von Interesse sind daher insbesondere die gesellschafts-, sozial- und wirtschaftspolitischen Alternativen, die der Autor selbst befürwortet und den Verfechtern des Grundeinkommens entgegenhält.

Joachim Bischoff plädiert zwar ebenfalls „für einen radikalen Politikwechsel“, aber eben für eine „bedarfsorientierte Grundsicherung statt Grundeinkommen“ (S. 94). Dahinter steht die feste Überzeugung, dass die Arbeitsgesellschaft die unüberwindbare Form moderner Gesellschaften auch in Zukunft ist, und dies nicht nur, aber insbesondere auch deshalb, weil Erwerbsarbeit eine hohe Bedeutung „für die individuelle Selbstbeschreibung, das soziale Umfeld und die gesellschaftliche Stellung“ (S. 100) hat und weiterhin haben wird. Daher fordert der Autor Strategien, die die Arbeits- und Lebensverhältnisse systemimmanent verbessern – wie insbesondere eine radikale Arbeitszeitverkürzung, die qualitative Veränderung prekärer wie „normaler“ Lohnarbeitsverhältnisse sowie eine „Veränderung des Wirtschaftswachstums in Richtung eines qualitativen und sozialkulturell geprägten Wirtschaftswachstums“ (S. 97). Konkret verfolgt werden sollen diese Ziele mit Instrumenten klassischer nachfrageorientierter Wirtschafts- und Sozialpolitik (oder was dafür gehalten wird) – wie „durch eine expansive Politik der binnenwirtschaftlichen Nachfragestabilisierung“ über ein Sofortprogramm, durch eine Kaufkraftsteigerung auch unterer Einkommensgruppen über die Anhebung der Regelsätze nach SGB XII, die Möglichkeit von einmaligen Leistungen im SGB II-Leistungsrecht, öffentliche Investionen und aktive Arbeitsmarktpolitik. Sicherlich begründet antizipiert der Autor, dass seine Argumentation „gleichwohl Teile der Betroffenen und [der] Anhänger eines allgemeinen Grundeinkommens nicht [überzeugt]“ (S. 99). Ihnen hält er leider am Schluss jedoch nur das „Totschlagargument“ entgegen, dass ihre Vorschläge letztlich (auch) nicht zeigen, „wie unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Kräfteverhältnissen dafür eine Mehrheitsentscheidung zustande kommen kann“ (S. 100). Die Auseinandersetzung mit dieser Konfrontation abzuschließen, verweist die Debatte und auch seine Vorstellungen wieder auf ihren „utopischen“ Charakter, allerdings im negativen Sinne, den er vorab so gut hat vermeiden und in positiver Hinsicht hat wenden können.
 
Summa summarum: Die Schrift von Joachim Bischoff bietet allen Interessierten an der Grundeinkommensdebatte eine sehr anregende Lektüre, sie ist jedem zu empfehlen, der sich orientieren, aber vor allem positionieren und beteiligen will.

Busse von Colbe, Walther / Coenenberg, Adolf G. / Kajüter, Peter / Linnhoff, Ulrich / Pellens, Bernhard (Hrsg.), (2007): Betriebswirtschaft für Führungskräfte

Das Verständnis für betriebswirtschaftliche und kaufmännische Zusammenhänge ist heutzutage die zentrale Schlüsselqualifikation für nahezu alle Tätigkeiten in Wirtschaft und Verwaltung. Ob in einem großen Konzern, in einem mittelständischen Unternehmen, in einer Behörde, an der Universität oder in einer Non-Profit-Organisation – ohne wirtschaftliches Know-How wird die Wahrnehmung von Führungsaufgaben immer schwieriger.

Das Werk vermittelt gut lesbar und praxisorientiert Methoden und Verfahren, um kaufmännisch und betriebswirtschaftlich agieren zu können. Darüber hinaus werden die Themenbereiche Industrieökonomik, Corporate Governance und Werteorientierte Performancemessung aufgenommen. Selbst komplexe betriebswirtschaftliche Sachverhalte werden leicht verständlich dargestellt. Die vielen konkreten Zahlenbeispiele und Übungsaufgaben komplettieren das Buch.

Das Buch richtet sich sowohl an Akademiker, die ihre Kompetenzprofil erweitern wollen, als auch an Fach- und Führungskräfte, die ihre Organisation wirtschaftlich zu führen haben.

Dilger, Alexander / Gerlach, Irene / Schneider, Helmut (Hg.), (2007): Betriebliche Familienpolitik - Potenziale und Instrumente aus multidisziplinärer Sicht. Wiesbaden: VS Verlag

Wie die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit zu gestalten ist, ist seit Jahrzehnten ein Thema, das die politische und wissenschaftliche Debatte in der Bundesrepublik beschäftigt. Wie sind staatliche Rahmenbedingungen zu gestalten, welche Rolle kommt den Unternehmen für die Umsetzung der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit zu? Der Sammelband „Betriebliche Familienpolitik“ nimmt die Unternehmensebene als zentralen Raum für die Ausgestaltung einer familienbewussten Arbeitswelt in den Blick. Ziel ist es, Potenziale und Maßnahmen aus interdisziplinärer Perspektive vorzustellen. Die Beiträge informieren über Forschungsstand und -perspektiven aus Sozialwissenschaft, Rechtswissenschaft sowie aus Betriebs- und Volkswirtschaft. Beleuchtet werden wesentliche Aspekte wie gesellschaftliche Bedingungen und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen einer besseren Kombination von Berufs- und Familienarbeit, arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen von Elternzeit und Teilzeit, wissenschaftliche Befunde zu den Anforderungen aus Sicht der Beschäftigten wie auch Maßnahmen eines Ausbaus familienbezogener Dienstleistungen.
Der Band wendet sich an Praktikerinnen und Praktiker in Unternehmen, wie auch an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die aktuelle Perspektiven auf das Thema der Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie im Betrieb kennenlernen möchten.
 

Ecarius, Jutta (Hg.), (2007): Handbuch Familie. Wiesbaden: VS Verlag

Wie gestaltet sich Familie heute, welche aktuellen Erkenntnisse, Theorieansätze, Handlungskonzepte und Herausforderungen liegen vor? Ziel des Handbuchs Familie ist es, einen Überblick über den theoretischen und empirischen Wissensstand der Familienforschung zu geben. Interdiziplinär angelegt unter Einbeziehung aktueller Einsichten aus Soziologie, Psychologie, Jugend- und Familienrecht und Sozialpädagogik unterscheidet das Handbuch fünf zentrale Themenbereiche, anhand derer das Feld „Familie“ systematisch entfaltet wird: Dem Forschungsfeld Familienstrukturen sind Beiträge zur aktuellen Lage der Familie, zu Familie und Sozialstruktur, zu Geschlechteraspekten von Familie sowie zu Familie und Migration gewidmet. Der zweite Themenbereich behandelt Familienformen mit Blick auf familiale Interaktionsmuster und Lebensphasen und nimmt Aspekte wie Familienerziehung, Eltern-Kind- und Geschwisterbeziehungen, Kindheit und Familien in den Blick. Im dritten Themenkomplex werden Familie und Bildungsinstitutionen mit den Bereichen Elementarerziehung, Grundschule, Schule, Weiterbildung in ihrem Verhältnis zu Familie sowie der Familienbildung fokussiert. Erkenntnisse zu Familie in ihrer Beziehung zu sozialpädagogischen Arbeitsfeldern bilden abschließend einen weiteren wichtigen Bereich des Handbuchs. Thematisiert werden u.a. familienrechtliche Entwicklungen, zentrale Gesetzgebungen und Debatten in der Kinder- und Jugendhilfe sowie Grundlagen zu einzelnen Interventionsformen der Kinder- und Jugendhilfe.

Das Handbuch bietet aktuelle umfangreiche Einblicke für Studierende, Lehrende und Forschende zu grundlegenden Fragestellungen und Erkenntnissen des komplexen Forschungsfelds Familie.

 

Hesse, Joachim Jens / Götz, Alexander (2007): Für eine zukunftsfähige Arbeits- und Sozialverwaltung * Aufgabenträgerschaft nach dem SGB II ("Hartz IV") 2005-2007. Baden-Baden: Nomos

Joachim Jens Hesse charakterisiert im Vorwort das Programm des Projekts, dessen erste Ergebnisse durch diesen Band dokumentiert wird eingehend knapp: „Die Einführung von `Hartz IV´ stellt nicht nur eine große Sozial-, sondern auch eine umfassende Verwaltungsreform dar. Sie ermöglicht den Staats- und Verwaltungswissenschaften, das Entstehen neuer und umfangreicher Organisationsstrukturen nachzuvollziehen." (S. 5)

Die Autoren haben im Auftrag des Deutschen Landkreistages die Aufgabenträgerschaft nach SGB II evaluiert. In der Konzeption konzentriert sich die Forschung vor allem auf leistungs- und organisationspolitische Fragen, untersucht in 20 Fallstudien ausgewählte Trägerschaften aller drei Modelle (Arge, Optionskommune, getrennte Trägerschaft) und wird durch eine vertiefende Studie für Baden- Württemberg ergänzt. Die Fallstudien werden vom ISE kontinuierlich fortgeschrieben und sollen durch Erkenntnisse aus mehrfachen "Wellen" flächendeckender Befragungen aller Landkreise und Optionsstädte abgesichert werden (S. 6).

lm Mittelpunkt der Untersuchung stehen erstens der funktionale und leistungsbezogene Modellvergleich, zweitens die Identifikation bereits im Untersuchungsverlauf erkennbarer Reformmöglichkeiten sowie drittens die Beschreibung der Auswirkungen unterschiedlicher Trägermodelle auf die Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit der kommunalen Gebietskörperschaften (ebd.). Darüber hinaus will die Untersuchung - parallel zu der vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales beauftragten Evaluation nach § 6c SGB II – „Erkenntnisse zu Wirkungszusammenhängen und vor allem zur Situation vor Ort gewinnen“ (ebd.).

Der Band gliedert sich in drei Teile: Neben dem Jahresbericht 2006 und dem Zwischenbericht für Baden-Württemberg greift ein weiterer Teil die im Herbst 2007 zur Entscheidung anstehende Frage der Verfassungsmäßigkeit der mit den Arbeitsgemeinschaften nach § 44b SGB II gegebenen Mischverwaltung von Bund und Kommunen auf und gibt die hierzu im Rahmen der Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht gemachten Ausführungen wieder. Die jüngste Entscheidung des BVerfG lag bei Fertigstellung des Manuskripts im Sommer 2007 noch nicht vor.

Der Band ist für alle LeserInnen von großem Interesse, die sich für die Implementation und Umsetzung des SGB II in organisatorischer, verwaltungstechnischer Hinsicht interessieren. Schwachstellen bestehen, sobald es um genuin sozial- und arbeitsmarktpolitische Fragen geht. Hier greifen die Analysen deutlich zu kurz und bleiben ebenso deutlich hinter dem Forschungsstand in den Sozialwissenschaften zurück. Der verwaltungs- und politikfachwissenschaftliche Blick eröffnet viel, gewinnt aber leider zu wenig – wie so oft in diesem Politikfeld – aus den Erkenntnissen angrenzender und eben an den Politikinhalten näher arbeitenden Disziplinen.

Dennoch leistet die Studie einen fundierten, differenzierten und interessanten empirischen Beitrag zur Frage nach der Implementation neuer sozial- und arbeitsmarktpolitischer Programme und institutioneller Lösungen. Eine lohnende und notwendige Lektüre für alle, die sich mit dem SGB II – in welcher Form auch immer – auseinandersetzen.

Imbusch, Peter / Rucht, Dieter (Hrsg.), (2007): Profit oder Gemeinwohl? Fallstudien zur gesellschaftlichen Verantwortung von Wirtschaftseliten. Wiesbaden: VS Verlag

Kaum ein Wirtschaftsthema hat die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren so bewegt wie die Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen. Allerdings herrscht bisweilen Unklarheit darüber, worin die Verantwortung der Wirtschaft bzw. von Unternehmen denn nun genau besteht. Wissenschaft und Wirtschaft führen Debatten darüber, wie denn nun die gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen sei.


Was aber heißt überhaupt gesellschaftliche Verantwortung? Für welchen Teilbereich sind Unternehmen verantwortlich? Was könnte gesellschaftliches Engagement von Unternehmen mit den spezifischen Unternehmenszielen zu tun haben? Es sei fraglich so die beiden Herausgeber Imbusch und Rucht in ihrem Vorwort, „wie, wann und unter welchen Umständen Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – oder aber es bei leeren Versprechungen belassen“.

Anhand exemplarischer Fälle zeigen die Beiträge des Buches, dass ein Unternehmen nicht nur die Option hat, gut im Sinne von gesellschaftlicher Verantwortung zu handeln oder dies eben zu unterlassen. Vielmehr eröffnen sich vielfältige Wege für Unternehmen, diese Verantwortung wahrzunehmen oder sich ihr zu entziehen.

Die vorgelegten Studien lehren: Für die Sozialwissenschaften gilt es, genau hinzuschauen, wenn Unternehmen von „gesellschaftlicher Verantwortung“ sprechen, denn nicht selten steckt dahinter strategisches Kalkül, da es immer auch um die ökonomischen Interessen der Unternehmen geht. Die Studien plädieren dafür, jenseits aller Moralisierung den Anspruch, den Unternehmen auf die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung erheben, kritisch zu prüfen. Diese Prüfung kann ergeben, dass es sich bei der Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung darum handelt, ökonomische Interessen zu verschleiern. Sie kann aber auch ergeben, dass ein Unternehmen ein Mehr an Verantwortung für die Gesellschaft, in der es wirtschaftet, übernimmt bzw. übernehmen kann.

Stürner, Rolf (2007): Markt und Wettbewerb über alles? Gesellschaft und Recht im Fokus neoliberaler Ideologie. München: Beck Juristischer Verlag

Ist die Globalisierung Schicksal? Kann man der Ökonomisierung etwas entgegensetzen? Sind Staaten Unternehmen und Politiker Manager? Ist die Akkumulation des Humankapitals Ziel der politischen Steuerung von Bildung und Ausbildung? Fragen, die bis vor kurzem in der Schmuddelecke ewiggestriger Kulturkritiker standen.


Der Jurist Rolf Stürner holt die Frage aus der Schmutzecke heraus. Er warnt eindringlich vor dem eigentlichen Skandal, der darin besteht, dass Wirtschaftslenker oder Unternehmensberater sich als Volkserzieher gerieren. Sobald McKinsey eine Zukunftsstudie „Deutschland 2020“ publiziert, läuft die Maschine der Medien. Dabei wird übersehen, dass selten etwas Neues herauskommt, wenn Unternehmensberater sich eines Themas annehmen. Und noch mehr wird übersehen, dass Unternehmensberater in Gefilden wildern, in denen naturgemäß Sozialwissenschaftler, Politikwissenschaftler und Juristen die Deutungshoheit besitzen.

Es geht Stürner aber um mehr als um Rückgewinnung der Deutungshoheit. Er analysiert vielmehr, was der Gedanke, Wettbewerb und sich selbst überlassene, von jeder Regulierung freie Märkte in den Köpfen und in den Institutionen anrichten. Sein Buch verarbeitet Erkenntnisse aus Ökonomie, Geschichte, Geistes- und Sozialwissenschaften und ist ein gelungenes Beispiel für Interdisziplinarität, die sich an Fragestellungen entzündet. So gelangt er zu fundierten, wohl abgewogenen Empfehlungen, rät zur Differenzierung, warnt vor Privatisierung von Bereichen, die der Daseinsfürsorge des Staates obliegen, fordert Solidarität in Familien, Umwelt, Schul- und Hochschulfragen. Der Ton seines Buches ist analytisch und nicht alarmistisch. Stürner geht ins Detail, wo es nötig ist, und geht ins Schweifend-Abstrakte, wo es angemessen erscheint.

Es ist also ein gutes Stück Aufklärung, das der Leser / die Leserin in den Händen hält: Stürners detailreiche und bisweilen komplexe Argumentation ist auf der Höhe der Probleme, die er zu untersuchen angetreten ist. Den Geist und die Zukunft unseres Gemeinwesens darf man nicht nur Leuten ausliefern, denen für die Bewertung kultureller Produkte und gesellschaftlicher Entwicklungen nur ökonomische bzw. betriebswirtschaftliche Kriterien zur Verfügung stehen.

Giesecke, Johannes (2006): Arbeitsmarktflexibilisierung und soziale Ungleichheit: sozio-ökonomische Konsequenzen befristeter Beschäftigungsverhältnisse. Wiesbaden: VS

Der Abbau bestehender Arbeitnehmerschutzrechte, der von Flexibilisierungsbefürwortern vielfach als Chance angesehen wird, die gravierenden Strukturprobleme auf dem Arbeitsmarkt zu überwinden, hat weitreichende Folgen für Ausmaß und Struktur sozialer Ungleichheit. Johannes Giesecke untersucht in seiner Promotionsschrift am Beispiel der befristeten Beschäftigung wichtige sozio-ökonomische Konsequenzen einer Arbeitsmarktflexibilisierung, wie die Frage nach den Effekten von befristeten Beschäftigungsverhältnissen auf das Lohnniveau sowie die Auswirkungen auf die Stabilität der Erwerbskarrieren der vom Phänomen der Befristung betroffenen Erwerbstätigen. Zur Erfassung möglicher Unterschiede in den Effekten der Arbeitsmarktflexibilisierung im Rahmen unterschiedlicher institutioneller Kontexte werden Längsschnittdaten aus Deutschland und Großbritannien, zwei sehr unterschiedlichen Arbeitsmarktregimen, verglichen.

Nach einer übersichtlichen Einleitung, welche sowohl eine gute Begründung für die Konzentration des Vergleiches auf Deutschland und Großbritannien gibt, als auch eine aufschlussreiche Übersicht über den aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet des Themenkomplexes „befristete Beschäftigung“, wendet sich Giesecke in den folgenden Kapiteln, aufgeteilt in einen theoretischen (Kap. 2-5) und einen empirischen Teil (Kap. 6-10), der Untersuchung der sozio-ökonomischen Folgen einer Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu.

Im theoretischen Teil der Untersuchung wird zunächst die befristete Beschäftigung als eine spezifische Form der Arbeitsmarktflexibilisierung sowie deren Einfluss auf die institutionellen Regelungen zur Beschäftigungssicherung dargestellt (Kap. 2). Im Folgenden werden, ausgehend vom neoklassischen Grundmodell, aus Sicht verschiedener Arbeitsmarkttheorien die möglichen sozio-ökonomischen Folgen befristeter Beschäftigungsverhältnisse erörtert (Kap 3). Das 4. Kapitel wendet sich der Betrachtung der Auswirkungen länderspezifischer institutioneller Rahmenbedingungen am Beispiel Deutschland/Großbritannien zu. Der theoretische Teil schließt mit einer Zusammenführung der theoretischen Überlegungen der vorangegangenen Kapitel sowie der Formulierung von Hypothesen zu den sozio-ökonomischen Konsequenzen befristeter Beschäftigungsverhältnisse. Hier lassen sich neben den Hypothesen zur Besetzung befristeter Stellen zwei weitere Hauptgruppen von Hypothesen unterscheiden, zum einen solche, die die Auswirkungen befristeter Stellen auf den Prozess der Lohndetermination behandeln und zum anderen Hypothesen, welche die Karrieremobilität betreffen.

Im, den empirischen Teil einleitenden, 6. Kapitel werden zunächst die verwendeten Datensätze und Variablen sowie die in der Analyse genutzten statistischen Verfahren erläutert, um daran anschließend ein Überblick über den Verbreitungsgrad befristeter Beschäftigung in Deutschland und Großbritannien (Kap. 7) zu geben sowie eine Betrachtung der Besetzungsmuster befristeter Beschäftigungsverhältnisse vorzunehmen (Kap. 8). Kapitel 9 und 10 stellen die Ergebnisse unterschiedlicher Analysen dar, welche die Effekte befristeter Beschäftigungsverhältnisse auf den weiteren Erwerbsverlauf (Kap. 9) sowie auf das Einkommen (Kap. 10) beleuchten.

Im abschließenden Fazit werden die empirischen Ergebnisse zusammengefasst und vor dem Hintergrund zukünftiger Maßnahmen zur Flexibilisierung des deutschen Arbeitsmarktes reflektiert. Insgesamt weisen laut Giesecke die Ergebnisse der Analysen darauf hin, dass von befristeten Stellen ernst zu nehmende Risiken für Beschäftigte ausgehen. Befristete Arbeitsverhältnisse sind im Vergleich zu unbefristeten Stellen meist schlechter entlohnt. Auch eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit einer Destabilisierung der individuellen Erwerbskarriere ist zu beobachten. Bemerkenswert ist, dass die empirischen Ergebnisse darauf verweisen, dass befristete Arbeitsverhältnisse insbesondere in stark regulierten Systemen, wie dem deutschen, mit deutlich stärkeren negativen Effekten verbunden sind. Eine Ausweitung der befristeten Beschäftigung, bei Aufrechterhaltung der gegeben rechtlichen Bedingungen, birgt somit laut Giesecke eine eindeutige Gefahr der Zunahme sozialer Ungleichheit. Dies sollte bei der zukünftigen Diskussion des Themas beachtet werden.

Insgesamt leistet Gieseckes Studie einen interessanten Beitrag zum Forschungskomplex „befristete Beschäftigung“ und bietet gute Anregungen zum weiteren Umgang mit diesem Thema.
 

Zander, Margherita (Hg.), (2005): Kinderarmut - Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis. Wiesbaden: VS Verlag

Kinderarmut ist trotz seiner Brisanz als gesellschaftliches Problem in Deutschland erst in den letzten Jahren zu einem bedeutsamen Thema der öffentlichen Diskussion avanciert. Welche aktuellen Forschungsergebnisse vorliegen, wie Armutsprävention in der professionellen Praxis aussehen kann, das sind Fragen, denen sich der Sammelband „Kinderarmut“ widmet. Anspruch des Handbuchs ist es, den Kenntnisstand zu Kinderarmut systematisch zusammenzufassen und Anstöße zu einer konzeptionellen Weiterentwicklung von Forschung und Praxis zu geben. Die Publikation lenkt den Blick dabei auf drei zentrale Felder: Sie versucht zunächst einen Überblick über den europäischen Forschungsdiskurs zu Kinderarmut, um Einblick in die aktuellen politischen und wissenschaftlichen Debatten der Nachbarländer zu geben. Dem folgt die systematische Darstellung der bundesrepublikanischen Forschungsergebnisse zu Kinderarmut entlang der kindlichen Lebensphasen (Vorschule, Grundschule, Übergang zu weiterführenden Schulen). Hier werden auch spezifische Merkmale der Armutsproblematik im Migrationskontext herausgearbeitet. Interdisziplinäre Sichtweisen auf professionelle Handlungsperspektiven der Armutsprävention, die sich an den Dimensionen kindlicher Lebenslagen und ihren Lebenswelten orientieren (Früh- und Gesundheitsförderung, Bildung, Stadteil- und Elternarbeit, Familie und Haushaltsführung), bilden das dritte Feld des Handbuchs.
Mit dem Handbuch Kinderarmut ist ein systematischer Überblick gelungen, der vielfältige wichtige Informationen für die wissenschaftliche und politische Debatte zum Thema Kinderarmut zur Verfügung stellt.